Februar 2017

Nelson: Ich gebe dir die Sonne

 

4 von 5 Punkten - Ein besonders gefühlvoller Jugendroman über die Liebe zur Kunst

Es ist nicht leicht, als Jugendlicher in der Pubertät, der gerade seine Homosexualität entdeckt hat. Und leicht ist es insbesondere dann nicht, wenn man eine Zwillingsschwester hat,  die bei allen beliebt zu sein scheint, während man selbst von deren Freunden gemobbt wird. Das sind sie - Noah und Jude. Zwei Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch am Anfang so viele Gemeinsamkeiten hatten. Noah liebt das Zeichnen und die Kunst, Jude interessiert sich mehr für Jungs und Aberglaube, nichtsdestotrotz sind die beiden unzertrennlich. Doch als Jude sich mit den beliebten Mädchen anfreundet, zeigt sie ihrem Bruder immer öfter die kalte Schulter, sehr zu dessen Leidwesen, der einen regelrechten Hass auf seine Schwester entwickelt. Wer hätte gedacht, dass Jahre später die Karten neu gemischt werden würden. Dass Noah plötzlich der beliebte Zwilling wäre und Jude die unglückliche Außenseiterin. Doch was ist geschehen, damit es dazu kommen konnte? Und können die beiden jemals wieder zusammenfinden?

 

"Ich gebe dir die Sonne" ist ein ganz besonders kostbarer Jugendroman. Es ist zutiefst beeindruckend, wie die Autorin mit Zeitsprüngen und Perspektivenwechsel zwischen Noah und Jude einen Roman schafft, der einen von der ersten Seite an fesselt und doch erst nach dem letzten Kapitel einen wirklichen Sinn ergibt. Neugierig gemacht hat mich vor allem der Titel des Romans, da er eine ungewöhnliche, poetisch angehauchte Geschichte verspricht. Und diese Geschichte hat sich dann tatsächlich als unglaublich gefühlvoll, detailleverliebt und überraschend herausgestellt.

 

Besonders gut gefallen hat mir die Darstellung der homosexuellen Liebe des Protagonisten zu dessen neuem Nachbarsjungen. Man spürt ganz subtil, wie sich etwas anbahnt, ohne aber gleich auf eine unrealistische Weise damit überrumpelt zu werden. Man kann die Bindung zwischen den beiden förmlich miterleben.

 

Sprachlich gesehen ist der Roman gut lesbar, ich denke, er ist in durchschnittlichem Jugendbuchstil geschrieben. Also keine zu schweren Wörter oder lange Satzgefüge, aber dennoch eine abwechslungsreiche Sprache, die Lust macht auf mehr. 

 

Ich würde den Roman Lesern ab etwa 13 Jahren empfehlen, da er durchaus auch sehr ernste und tiefe Szenen hat. Nach oben hin sehe ich keine Grenze, hier haben wir m.E. einen All-Age-Roman, den man auch gut noch als Erwachsene(r) lesen kann. 

 

Alles in allem ein Buch, das tief unter die Haut geht und dort berührt, wo sonst kaum ein Roman hinkommt. Vielleicht hätten manche Passagen noch ein wenig kürzer sein dürfen, aber insgesamt eine wunderbare und sehr lesenswerte Geschichte!

Bärfuss: Koala

 

2 von 5 Punkten - Komplizierter Kleist der Gegenwart

Koala erzählt eine Geschichte über Suizid, Verlust und tiefe Emotionen - und all das, ohne sich in gefühlsduselige Sprache zu verlieren. 

 

Bärfuss gewann mit diesem Roman den Schweizer Buchpreis, eine Auszeichnung, die ein außergewöhnliches Buch erwarten lässt. Ungewöhnlich ist das Buch mit Sicherheit, die Sprache ist anders, als in den meisten Romanen, verschachtelter und komplizierter. Das Buch beginnt mit einer Anspielung auf Heinrich von Kleist und man hat das Gefühl, das der Autor versucht, genau so einen Schreibstil zu haben, man wartet geradezu auf das für Kleist typische "Dergestalt, dass", mit dem er seine Hypotaktischen Sprachspiele noch weiter ins Unendliche treibt. 

 

Bärfuss hat mit Sicherheit ein Gefühl für Sprache und Konstruktion, ansonsten könnte er nicht in diesem Schreibstil schreiben. Meinen Geschmack hat er damit aber leider überhaupt nicht getroffen. Obwohl ich gerne Weltliteratur lese, hat Kleist nie zu den Autoren gehört, deren Bücher mir sonderlich gefallen haben, Michael Kohlhaas war für mich mehr Qual als Bereicherung. Und bei Bärfuss' Buch ist es leider genauso. Vermutlich sollte man den Autor dafür loben, dass er so einen Kleist-Ähnlichen Stil hat und ihn mit Preisen dafür auszeichnen. Mir haben die konstruierten Sätze aber überhaupt nicht gefallen, da sie vom eigentlichen Geschehen ablenken. Es ist eine geschickte Masche, um alle Gefühle zurücknehmen zu können,zu überanalysieren und auf eine mathematische Gleichung zurückzuführen. Gerade bei so einem intensiven Thema wie Suizid hätte ich mir etwas anderes gewünscht. 

 

Ich habe das Gefühl, die Gefühlskälte, Komplikation und Abgrenzung des Protagonisten sind hier nicht nur dem Versuch geschuldet, eine außergewöhnliche Sprache zu konstruieren, sondern vor allem auch dem falschen Stolz des Protagonisten und der augenscheinlich selbstbelügenden Arroganz. Mir hat Koala leider überhaupt nicht gefallen, weswegen ich es auch nach der Hälfte abgebrochen habe, obwohl ich fast jedes Buch zu Ende lese. Aber dieser Text war einfach eine Qual.

Land: Ich bin böse

 

5 von 5 Punkten - Beängstigend realistisch, psychologisch brillant, erschütternd!

 

Nominiert zum Buch des Monats Februar 2017


Wow! Wow! Wow! Das ist zunächst einmal alles, was ich über "Ich bin böse" von Ali Land sagen kann. Schon die Widmung auf der ersten Seite hat mich sprachlos gemacht: "Für die Schwestern in der Psychiatrie überall auf der Welt. Die echten Rockstars. Dieses Buch ist für euch." Bereits da konnte ich schon nicht mehr aufhören zu lesen, und so ging es weiter bis zum Ende. 

 

"Ich bin böse" erzählt die Geschichte von Milly alias Annie, die jahrelang von ihrer Mutter missbraucht wurde. Diese ist eine pädophile Serienmörderin, sie zwingt ihre Tochter, ihr bei ihren Taten zu helfen, zuzusehen, oder auch selbst als Opfer herzuhalten. Dass die Psyche der kleinen Annie zerbricht, bemerkt sie sehr gut, nutzt sie aber eiskalt zu ihrem Vorteil aus. Als Annie 15 Jahre alt ist, traut sie sich endlich, ihre Mutter bei der Polizei anzuzeigen. Sie bekommt einen neuen Namen, Milly, und wird vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht. Mit deren Tochter Phoebe versteht sie sich aber leider überhaupt nicht, und ihre Herkunft zu verheimlichen, wird bald schon zu einer schier unerträglichen Qual. Es dauert nicht lange, bis die anderen Kinder merken, dass Milly anders ist, und sie ein Mobbingopfer wird. Gleichzeitig wartet sie auf den Prozess, in dem sie gegen ihre Mutter aussagen soll. Sie ist gefangen zwischen der Angst, dass sie so sein könnte, wie ihre Mutter es war, und der Angst, verletzt zu werden. 

 

Würde ich eine Ferndiagnose stellen müssen, würde ich Milly ganz klar als Borderlinerin sehen. Ich habe selbst eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Borderline Persönlichkeitsstörung, umso kritischer bin ich bei Büchern, die sich mit Themen wie Missbrauch, Mobbing, Gewalt, Liebe, Selbstverletzung und Suizid befassen. Oft werden multiple Persönlichkeiten und Dissoziation missbraucht, um einen Krimi à la Dr. Jeckyl und Mr. Hyde zu schaffen, die nicht viel mit der Realität zu tun haben. Anders dieser Roman. Die Autorin hat Psychologie studiert, ihre Doktorarbeit schrieb sie über das Thema "Children who kill", Hauptforschungsgebiet war dabei die Psyche von Heranwachsenden. Und das merkt man. Sie erfindet nicht blind abstruse Geschichten, sondern sie erschafft mit Milly einen Charakter, dessen Gedankengänge sie nuanciert und bis ins kleinste Detail nachvollziehbar beschreibt. Man hat das Gefühl, man IST Milly. Man liest nicht nur einen Roman über sie, sondern man wird zu ihr, und das ist eine Fähigkeit, die nicht viele Autoren besitzen. 

 

Das Buch sollte ganz klar mit einer Trigger-Warnung versehen werden. Für Leute (wie mich), die selbst viel Zeit in der Psychiatrie verbracht haben und immer noch von ihren Erinnerungen heimgesucht werden, ist es mit Sicherheit keine leichte Lektüre. Für andere auch nicht, wenn sie bereit sind, sich darauf einzulassen, dass es solche Geschichten wirklich gibt. Aber der Roman ist es allemal wert. Schuld, Hass, Anhänglichkeit. Die Angst, verlassen zu werden, die Selbstzweifel, die Liebe zu ihrer Mutter, trotz allem, was sie ihr angetan hat. All das sind brillant beschriebene Gefühle, die kaum jemand so realistisch zu Papier bringen könnte.

 

"Ich bin böse" hat m.E. ausgesprochen gute Chancen, das Debut des Jahres zu werden. Mit Sicherheit jedoch ist es ein Debut, das etwas auf den Markt bringt, das es bisher so noch nicht gab. Es schafft einen Menschen, und mit diesem Menschen eine Wahrheit, vor der so viele die Augen verschließen. Es schafft Verständnis, Entschuldigung, Versöhnung, Schuld. Und Verantwortung. Aber am meisten schafft es eines. Dass man die Welt danach nicht mehr aus denselben Augen betrachten wie vor diesem Roman. 

Brockmole: Ein Französischer Sommer

 

3 von 5 Punkten - Ganz nett, aber nicht außergewöhnlich

Herzschmerz, viel Gefühl, aufgewühlt und tief berührt. Das alles sind Worte, die man in den Amazon-Rezensionen von "Ein französischer Sommer" zuhauf findet. So umfassen auch die Bewertungen größtenteils fünf Sterne, eine Bewertung, die ich nicht ganz nachvollziehen kann.

 

"Ein französischer Sommer" handelt von der Liebesgeschichte zwischen Clare und Luc. Clare kommt aus Schottland, als ihre Mutter sie verlässt, wird sie zu Freunden nach Frankreich gebracht, der Sohn der Familie heißt Luc. Vom ersten Moment an empfinden die beiden etwas Besonderes füreinander, im Laufe des Sommers kommen sie sich zunehmend näher und werden echte Seelenverwandte. Gerade, als sie sich im perfekten Glück wähnen, wird Clare jedoch von ihrem Großvater auf eine Weltreise mitgenommen, was die beiden auseinanderreißt. Während Clare die verschiedensten Länder besucht, muss Luc sich als Soldat dem ersten Weltkrieg stellen, eine Erfahrung, die ihn verändern wird. Werden die Wege der beiden wieder zusammenfinden? Gibt es am Ende doch noch ein Happy-End? Und wie sollte dieses aussehen können, nach so viel Leid?

 

All das sind Fragen, die das Buch aufwirft. Und leider auf eine Art und Weise beantwortet, die mir viel zu banal und ungenügend erscheint. 

Ein wichtiges Thema des Romans ist Kunst, sowohl Clare, als auch die Familie von Luc sind begnadete Künstler, doch Clare schreckt vor der Kunst zurück, da sie auf Grund der Erfahrungen mit ihrer Mutter glaubt, eine Frau könne nur entweder Künstlerin oder Ehefrau sein, aber nicht beides. Diese Passagen haben mir sehr gut gefallen, der innere Kampf von Clare wird im Detail beleuchtet und sehr lebendig geschrieben, allerdings war mir die Auflösung dieser Frage auch deutlich zu plump und schnell abgefertigt. Am Ende verlieren die Charaktere die Tiefe, die sie im Laufe des Romans gewonnen haben, um die Handlungsstränge möglichst schnell zusammenzuflicken, was aber keineswegs eine elegante Lösung verspricht. 

 

Beeindruckend waren auch die Passagen über Luc im Ersten Weltkrieg, wenn auch etwas kurz geraten. Die Geschichte von Verrat, Schuld und Verantwortung regt zum Nachdenken an, man spürt förmlich, wie die beiden sich entfremden, da sie in vollkommen verschiedenen Welten leben. 

 

Brockmole besitzt eine außerordentliche Fähigkeit, Details und Landschaften so schön zu beschreiben, dass man glaubt, sie direkt vor sich zu sehen. Am Anfang hat mich der Roman eher an das 18. Jahrhundert erinnert, als es plötzlich so schnell voranging und auf die Zeit des 1. Weltkriegs zusteuerte, bekam die Idylle einen Kratzer und die Beschreibungen sowie das Raumgeschehen wirken nicht mehr kongruent. Darunter leidet leider auch die schriftstellerische Begabung der Autorin zunehmend, weswegen das Buch sich immer mehr und mehr vom Leser entfernt. 

 

Alles in Allem ist dieser Roman in meinen Augen eine verschenkte Chance, oder zumindest ein Sinnbild davon, was es bedeutet, Talent falsch einzusetzen oder des Marktes wegen zu verschwenden, was mich sehr traurig und nachdenklich gemacht hat. Die Geschichte ist mit Sicherheit ein unterhaltsamer Frauenroman und wer keine kritischen, ungewöhnlichen Bücher lesen möchte, für den ist das genau die richtige Lektüre. Man kann sich fallen und von Brockmoles Worten mittragen lassen, die Zeit vergeht mit diesem Buch wie im Flug, nur danach bleibt leider nicht allzu viel zurück, außer eine Menge Kliché und verwechselbarer Historie.

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