Lesemonat August 2016

Seddon: Locked in

5 von 5 Punkten - Non plus ultra!

Alex ist freie Journalistin, geschieden, und hat ein Alkoholproblem. Als sie einen Artikel über Wachkomapatienten schreiben soll, bietet sich ihr eine Chance, wieder einen Schritt zurück ins Leben zu wagen. Sie trifft auf Amy, ein Mädchen, das vor Jahren verschwunden war und dann fast tot geschlagen wiederaufgefunden war und seither im Wachkoma liegt. Der Fall wurde nie geklärt. Vor ihrem Tod ging Amy mit einem mysteriösen Mann mit, der offensichtlich nicht ihr Freund gewesen ist. Doch wer war dieser Mann? Und was ist damals wirklich geschehen?

 

"Locked in" ist eine Mischung aus Roman und Thriller, also das perfekte Buch für meinen Geschmack. Die Geschichte ist intelligent aufgebaut, die Sprache ist einfach hervorragend und macht Lust auf mehr. Der Perspektivenwechsel von Kapitel zu Kapitel verstärkt die Spannung zusätzlich und die Story kann auch mit der ein oder anderen Pointe aufwarten. 

Mir haben die Charaktere, die sehr detailreich und lebendig beschrieben werden, ausgesprochen gut gefallen, und auch das Setting, in dem der Roman stattfindet, wirkt glaubhaft, plausibel und anrührend. 

 

Zum Ende kann ich jetzt nicht viel sagen, ohne zu spoilern, aber an dieser Stelle sei so viel gesagt, dass ich es sehr schön fand, dass es nicht so "klassisch" endete mit einem Standard-Happy-End (was aber jetzt auch nicht heißen soll, dass es ein trauriges Ende hätte, seht einfach selbst). Ich würde es hauptsächlich als überraschendes Ende beschreiben, das Raum zum weiterdenken lässt. 

 

Der Roman bekommt von mir fünf von fünf Sternen, da er mich direkt vom ersten Kapitel an fesseln konnte und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen hat. Und das alles mit einer inhaltlich wie sprachlich herausragenden Geschichte. Ein bisschen gestört hat mich manchmal das Verhalten von Jacob gegenüber Fiona, da hätte man doch sicherlich einiges "einfacher" gestalten können, aber alles in allem ist "Locked in" einfach top und man muss es echt gelesen haben!

 

Für Menschen, die es gerne aufregend mögen, aber trotzdem keine Lust auf eine klassische Kriminalgeschichte mit Polizei, FBI oder was auch immer haben, sondern lieber das Innere der beteiligten Personen verfolgen. 

Gross: Der Zauber meines viel zu kurzen Lebens

 

4 von 5 Punkten - Sehr gut!

Kate Gross ist Mutter, Frau, Literaturliebhaberin, hat ein Auge für das Besondere im Alltäglichen. Und Darmkrebs. Das hat sie auch.

 

"Der Zauber meines viel zu kurzen Lebens" ist die beeindruckende Autobiographie einer jungen Frau, die bereits in untypisch frühen Jahren eine definitiv tötliche Diagnose gestellt bekommt und berichtet, was das für Gefühle, Wünsche und Ängste in ihr ausgelöst hat. 

Bei Autobiographien bin ich zunächst grundsätzlich immer erst einmal skeptisch, da es oftmals einerseits Autoren gibt, die zwar sehr spannende Dinge erlebt haben, aber nicht richtig schreiben können, und da hilft auch der beste Inhalt nicht. Andere widerum können hervorragend schreiben, aber haben nichts erlebt und füllen Seiten mit den Nichtigkeiten ihrer Existenz. Nicht so Kate Gross. Sie bietet die perfekte Kombination aus beidem. 

Eine ergreifende Geschichte, die in außergewöhnlich literarischer und poetischer Sprache geschildert wird. 

Wer hier allerdings ein medizinisches Fachbuch oder eine verzweifelte Leidensgeschichte erwartet, den wird das Buch vermutlich enttäuschen, da es beides nicht im Entferntesten sein möchte. Kate Gross versucht nicht, künstlich nach Mitleid und Emotionen zu graben, viel mehr ist es die Tatsache, wie echt und schlicht sie alles schildert, was das alles noch viel ergreifender macht. Wunderschöne Zitate anderer Schriftsteller, die sie in ihren Text eingebaut hat,  regen zum Nachdenken an und verleihen dem ganzen das gewisse Etwas. 

Alles in allem fand ich das Buch außerordentlich gut und empfehlenswert. An manchen Stellen hätte sie vielleicht doch noch etwas mehr auf ihre Krankheit und vor allem auf die Schattenseiten eingehen können, da es mir manchmal doch zu "heile Welt" war, ich bin sicher, es gab zwischendrin auch Abstürze, die sie allerdings nicht so intensiv schildert und ausmalt wie die hoffnungsvollen Momente, sondern immer recht schnell abfertigt. Ein großes Plus bekommt das Buch von mir dafür, dass es über ein Tabuthema spricht, gerade Darmkrebs ist etwas, das viele verschweigen und auch die Autorin schreibt in ihrem Roman, ob sie nicht vielleicht früher zum Arzt gegangen wäre, wenn sie mit einem anderen Organ Probleme gehabt hätte. 

Fazit: Definitiv lesenswert - und das nicht nur für Krebspatienten und deren Angehörige. Nicht umsonst auf der Bestsellerliste!

Fowley-Doyle: Wenn der Sommer endet

5 von 5 Punkten - Mystisch, Geheimnisvoll, Anders

 

Nominiert als Buch des Monats August

Wie soll man so ein Buch rezensieren? Bereits eine Zusammenfassung zu schreiben ist fast nicht möglich, da dieser Roman vollkommen anders ist. Wovon handelt er? Vordergründig geht es um eine Familie, der am Ende des Sommers immer wieder Unglücke geschehen. Die Geschichte handelt von Aberglaube, Magie, Erinnerung und einem Familiendrama. Aber diese Worte reichen nicht, um den tatsächlichen Inhalt von "Wenn der Sommer endet" zu verstehen. 

 

Schon was das Genre anbelangt, wird es extrem schwer das Buch irgendwo einzuordnen. Ich sehe den Roman zwischen Jugendbuch, Mystery, Roman, Psychodrama und Fantasy, doch keines dieser Genre erfasst ihn wirklich.

 

Erwartet habe ich zunächst etwas vollkommen anderes. Ich finde, dass der Klappentext leider nicht besonders geglückt ist, und auch das Cover (das ich wirklich schön finde) erweckt leider einen zunächst falschen Eindruck, da einfach nicht klar genug wird, dass es hier um Mystery-Elemente, Aberglaube und Übernatürliches geht, zumindest zu Beginn. Je weiter der Roman sich entwickelt, umso mehr geht er in Richtung Drama, wo das Cover dann schon deutlich besser passt. 

 

Als ich mit Lesen angefangen habe, war ich zunächst einmal sehr enttäuscht, ich fand zwar die Sprache ganz schön, aber ich konnte mich überhaupt nicht mit den Protagonisten identifizieren, ihre wahnhaften Ansichten und Ängste haben mich ziemlich aufgeregt und genervt und irgendwie haben mir die tatsächlichen inneren Gefühle gefehlt. Dann tauchte plötzlich ein rätselhaftes Mädchen, Elsie, auf, das keiner außer der Protagonistin und ihrer Freunde zu kennen schien. Ab hier hat mich der Roman etwas an den Anime "Another" erinnert. Das ist zwar ein Psychothriller, aber auch da gibt es dieses mysteriöse Mädchen und die Atmosphäre im Roman erinnert generell sehr stark an Anime-Atmosphäre. 

 

Nach 100 Seiten habe ich das Buch dann zur Seite gelegt und beschlossen, es nicht mehr weiterzulesen, weil ich es einfach überhaupt nicht mochte. Da dachte ich, ich würde das Buch mit 2 Sternen bewerten, da ich es für starke Geschmackssache halte und es leider überhaupt nicht meinem Geschmack entsprach. Wie kann es nun also sein, dass diese Buch letztendlich doch 5 Punkte bekommen hat und auch noch für meine Kategorie Buch des Monats August 2016 nominiert wurde?

 

Dass ich überhaupt weitergelesen habe, lag einfach daran, dass ich das Buch noch in meiner Tasche hatte und aus Langeweile dachte ich, naja, ein paar Kapitel noch, dann kann ich es ja wieder weglegen. Und dann war ich plötzlich gefesselt. Ich habe begonnen zu verstehen, was dieses Buch möchte. Dass es eben gerade nicht kommerziell und Mainstream sein will, klaren Plots folgen, die man schon hunderte Male gelesen hat und auf eine Zielgruppe ausgerichtet sein, sondern es möchte seine eigene Zielgruppe schaffen. Und nachdem ich damit klarkam zu akzeptieren, dass die Realität im Roman einfach eine andere ist, hat mich "Wenn der Sommer endet" in seinen Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. 

 

Das Buch wirkte auf mich wie eine Mischung aus Anime, Kafka und Jugend-Sommerbuch. Doch hauptsächlich besitzt es eine einzige magische Poesie, und besonders das Ende fand ich extrem bewegend. 


Fazit: Ein Buch, das erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber wenn man sich darauf einlässt, ein wahres Meisterwerk, das aus der Masse heraussticht!

Higgins-Clark: So still in meinen Armen

3 von 5 Punkten - Durchschnittlich

Susan ist eine junge Schauspielerin und wird zu einem Vorsprechen eingeladen. Von dort kehrt sie aber nie mehr zurück, stattdessen findet man ihre Leiche in einem Park, neben ihr ein einzelner Schuh, der ihr den Beinamen "Cinderella-Mord" einbringt. Zwanzig Jahre lang kann das Verbrechen nicht aufgeklärt werden, dann wagt sich Laurie, die Produzentin der Reality-TV-Show "Unter Verdacht" an den Fall und kontaktiert die Verdächtigen von damals. Was hat es mit der geheimnisvollen Kirche FG auf sich? Oder mit der dubiosen Firma REACH? Wie war Susan in diese Geschichten verwickelt und könnte das die Spur zum Mörder sein?

 

In diesem Thriller hat Mary Higgins Clark, eine der bekanntesten Thrillerautorinnen, mit Alafair Burke zusammengearbeitet. Bei Zusammenarbeiten bin ich immer etwas skeptisch, da sie in meinen Augen oft den Stil des Autors stören und für weniger Gefühle, dafür mehr Handlung, die einfach nur aneinandergereiht wird, sorgen. So leider auch hier.

 

An sich ist die Idee nicht schlecht, wobei sie auch nicht überragend ist, ziemlich durchschnittlich würde ich sagen. Man hätte die Handlung sicher spannender erzählen können, gerade dafür, dass das Buch "Thriller" heißt, meines Erachtens gehört das noch mehr in das Genre Kriminalroman auch wenn keine Polizei im Spiel ist. 

Insbesondere das Ende hat mich enttäuscht. Gerade in dem Moment, als es wirklich spannend wird, ist es auch direkt schon wieder gelöst und vorbei, mir fehlt hier einfach der Nervenkitzel.

Sprachlich ist das Buch top, da kann man absolut nichts gegen sagen. Das Lesen wird aber trotzdem leider immer mühseliger, da eine Person nach der anderen dazukommt, bis man irgendwann überhaupt nicht mehr versteht, wer denn nun wer ist und wie sie alle in Beziehung zueinander stehen. Insbesondere Randfiguren, die mehr eine Statistenrolle innehaben, als wirklich zum Handlungsplot beizutragen, hätte man sich vielleicht besser sparen können, um etwas mehr Struktur in den Thriller zu bekommen. 

Nichtsdestotrotz handelt es sich hierbei um ein Buch, das unterhält, und einem einige Lesestunden Rätselspaß garantiert. Wer aber Thriller von der harten Sorte mag, bei denen es einem eiskalt über den Rücken läuft, für den ist "So still in meinen Armen" definitiv nichts. 

Eker: So denken Millionäre

 

2 von 5 Punkten - Reich wird mit dem Buch nur einer - der Autor!

Ich hatte große Erwartungen an das Buch "So denken Millionäre" und die Hoffnung, dass einmal ein tieferer Einblick in Persönlichkeitsstrukturen gegeben werden kann, da das Buch unglaublich viele gute Bewertungen hat. 

Leider wurde ich jedoch davon enttäuscht. Das einzige, was ich aus dem Buch mitnehme - T. Harv Eker weiß, wie man Geld macht. Und das auf eiskalte Art und Weise. Zum Beispiel indem er dieses Buch dazu nutzt, für seine Seminare Werbung zu machen, in denen man angeblich lernt, wie man Millionär würde. 

"So denken Millionäre" ist ausgesprochen kapitalistisch und teilweise auch recht utopisch. Es gibt hin und wieder interessante Ansätze, diese werden aber meines Erachtens recht schnell ad absurdum geführt, da der Autor seine Meinung mit aller Gewalt untermauern möchte und so nicht genügend Perspektiven auf seine Ansichten wirft, was widerum unglaubwürdig erscheint.

Ich hatte mir von dem Buch außerdem keinen Selbsthilferatgeber zum Reich-Werden erhofft, sondern viel mehr eine neutrale psychologische Betrachtung der Verhaltens- und Denkmuster von Millionären, was hier aber absolut nicht gegeben ist. Man wird ständig mit "Sie" angesprochen, was mich massiv gestört hat, da das den wissenschaftlichen Duktus unterbricht. Andererseits würde ich das Buch aber auch nicht als klassisch populärwissenschaftlich einordnen, da die Sprache an manchen Stellen schon recht verklausuliert wirkt. 

Reißmann: Scherbenkind

 

5 von 5 Punkten - Genial, gefühlvoll, anders!

 

Buch des Monats August 2016

Bei der Polizei geht ein seltsamer Anruf eines kleinen Kindes ein, das behauptet, den Mörder eines seit zwei Jahre ungeklärten Kriminalfalls zu kennen. Nachdem der Anruf zurückverfolgt wird, ist allerdings weit und breit keine Spur von einem kleinen Kind, und auch der Bezug zum Fall scheint zunächst unklar. Verena, eine Stuttgarter Ermittlerin, bekommt die Aufgabe zugeteilt, Nachforschungen anzustellen, und ahnt nicht, in welchen Strudel aus Gewalt, Satanismus und psychisch kaum vorstellbaren Störungen sie hier hineingezogen wird. Wieso verhält sich Sina, die achtzehnjährige Tochter der Familie Lohmann, zu denen die Spuren zunächst führen, so seltsam? Wer ist das Opfer im Schrebergarten`? Und was hat das ganze mit zwei weiteren Todesfällen zweier junger Frauen zu tun?

 

Scherbenkind ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman. Ungewöhnlich deswegen, weil er nicht einfach nur aus Ermittlungsarbeit besteht, sondern auch immer wieder Ausflüge in das Genre des Psychodramas wagt, ein riskantes Unterfangen, das hier allerdings mehr als geglückt ist und den Roman zu etwas ganz Besonderem macht. 

Zunächst war ich etwas skeptisch, da der Roman in Stuttgart spielt und ich Angst hatte, dass es ein klassischer "Schwabenkrimi" werden könnte, die leider oft nicht sonderlich spannend, dafür voller Vorurteilte und Plattitüden sind. Mit einem Schwabenkrimi hat Scherbenkind aber absolut nichts gemein, Reißmann stellt sich mit ihrer Schreibkunst hier definitiv auf eine Stufe mit großen Kriminalautoren, wie wir sie aus Schweden und Amerika kennen. 

Bereits die Sprache ist sehr abwechslungsreich und angenehm geschrieben, die Konstruktionen der Zwischenmenschlichen Verstrickungen sind brilliant und die Charaktere werden hier auf eine Art und Weise gezeichnet, wie es für Krimis normalerweise eher untypisch ist. Die Tiefe, mit der in die Psyche der einzelnen Beteiligten geblickt wird, hat mich stark beeindruckt. 

Es ist schwer, wirklich viel über den Inhalt zu sagen, ohne zu spoilern. Es sei aber auf jeden Fall so viel geäußert, dass die Spannung von Anfang bis Ende durchgehalten wird und beständig steigt, es gibt keinerlei unnötige Längen, ich habe das Buch in nur zwei Tagen komplett durchgelesen, da ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte. Was mit Sina los ist, habe ich bereits von Anfang an geahnt, nichtsdestotrotz hat es mich nicht gestört, dass die Kommissarin auf dem Gebiete nicht so bewandert ist und etwas länger gebraucht hat. Was mich allerdings enorm beeindruckt hat: Wer der Klavierlehrer ist. Das hätte mir beim aufmerksamen Lesen eigentlich auffallen müssen, ist mir allerdings entgangen, und dann erst zum Schluss der Groschen gefallen. Das hat mir außerordentlich imponiert!

Außerdem hat das Buch mit emotional und seelisch stark aufgewühlt, da es wie gesagt keine reine Kriminalgeschichte ist, sondern sich mit einer Thematik auseinandersetzt, die leider immer noch viel zu oft verschwiegen wird. Es geht um Missbrauch, rituelle Gewalt, Satanismus und Zerstörung von Kinderseelen. Das ist zugegebenermaßen harte Kost. Hin und wieder hat mich der Roman stark getriggert, damit sollte man umgehen können. Es ist jedenfalls kein Krimi, den man nach dem Ende einfach so zuschlägt und schnell wieder vergisst, sondern er wird mich sicherlich noch eine Zeit lang verfolgen. 

Fazit: Ein Buch, das zum Mitdenken einlädt, das innerhalb seines Genres brilliert und heraussticht, ein intelligentes, spannendes Verwirrspiel, das Nervenkitzel, Zweifel und seelische Erschütterung bis zum Schluss garantiert!

Wecker: Dann denkt mit dem Herzen

 

4 von 5 Punkten - Sehr gut, aber für Weckers Verhältnisse hätte es noch ein bisschen mehr sein dürfen!

Konstantin Wecker ist bekannt für seine tiefgründigen, poetischen Texte, in denen er sich gegen Faschismus, Rassismus und andere politische Misstände einsetzt. Als großer Konstantin Wecker Fan war ich besonders gespannt auf sein Buch "Dann denkt mit dem Herzen". Hierbei handelt es sich um eine Zusammenstellung von kurzen Texten, teilweise von seiner Facebook-Seite, teilweise als kurze Gedankennotizen und Gedichten, die sich mit dem Thema Flüchtlinge befassen. 

 

Wer hier eine neutrale politische Erörterung der Flüchtlingsdebatte erwartet, der wird enttäuscht, wie auch bereits der Untertitel "Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge" suggeriert. Das Buch vertritt eine klare Meinung und könnte als Manifest des Gutmenschentums angesehen werden. Es werden auch nicht erst politische Hintergründe erklärt, das aktuelle Zeitgeschehen der letzten drei Jahre wird als bekannt vorausgesetzt. Tatsächlich finde ich, dass man das Buch sehr gut mit Weckers Facebook-Seite vergleichen kann. Hin und wieder gibt es Anmerkungen zu Kommentaren, die er dort gelesen hat, Ideen zu aktuellen Ereignissen oder auch einfach poetische Niederschriften. Ergänzt werden seine Eindrücke hierbei von den Erfahrungen seiner Frau und seines Sohnes, die auf Lesbos aktiv an der "vordersten Front" mit dabei waren. 

 

Einerseits finde ich es ausgesprochen gut, dass Konstantin Wecker sich getraut hat, dieses Buch zu veröffentlichen und stimme ihm auch inhaltlich in den meisten Punkten zu. Sprachlich hätte ich mir an der ein oder anderen Stellen aber vielleicht noch etwas mehr von der Poesie erhofft, derer er sich in seinen Liedtexten bedient, und auch die ein oder andere Wiederholung wäre vielleicht nicht unbedingt nötig gewesen und erweckt einen leicht propagandistischen Eindruck, weswegen ich einen Punkt abziehe. Nichtsdestotrotz ein hervorragendes Buch, das den Menschen hoffentlich wieder einmal ins Gedächtnis ruft, worum es in dieser Diskussion eigentlich geht, nämlich um Menschen und nicht um Gegenstände. 

 

Fazit: Sehr zu empfehlen, allerdings werden sogenannte als "Realisten" getarnte Rassisten vermutlich nicht sonderlich viel damit anfangen können und es als Gutmenschen-Geplänkel abtun. 

Ohlsson: Papierjunge

 

4 von 5 Punkten - Sehr gut, ein echter Ohlsson!

Eine alte jüdische Legende erzählt die Geschichte des Papierjungen, der kleine Kinder entführt und tötet. Plötzlich verschwinden tatsächlich zwei Jungen und werden kurze Zeit später mit Papiertüten auf dem Kopf tot aufgefunden. Am selben Tag wird eine Erzieherin erschossen. Hängen die beiden Fälle zusammen? Handelt es sich hier um einen Serienmörder oder steckt eine familiäre Geschichte dahinter? Die Spuren führen schon bald nach Israel. Als ein kleines Mädchen verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. 

 

Bereits Ohlssons letzter Thriller Himmelschlüssel hat mir ausgesprochen gut gefallen und wurde mein Buch des Monats Juli 2016. Umso gespannter war ich nun auf Papierjunge, und ich wurde nicht enttäuscht. Auch hier schafft Ohlsson wieder einen echten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Von Anfang bis Ende wird die Spannung aufrecht erhalten, Spuren verlaufen sich im Sand, neue Hinweise kommen hinzu, ein tatsächlich klares Bild erhält man erst ganz zum Schluss. 

Sprachlich ist auch dieser Thriller sehr angenehm zu lesen, die Personenbeschreibungen und Einblicke in ihre Gedanken gefallen mir außerordentlich gut. 

Der Schluss ist super, allerdings kann ich hierzu nicht wirklich viel sagen ohne zu spoilern. Es sei nur so viel gesagt, dass es im Laufe des Buches immer wieder einzelne Schlussfragmente gibt, die man zunächst noch etwas befremdlich findet, dann allerdings immer mehr zu verstehen beginnt. Ohlsson versteht es wirklich ihre Leser zu fesseln und Thriller zu schreiben, die aus der Masse herausstechen. An manchen Stellen waren mir persönlich die politischen Hintergründe bezüglich Mossad und Co. etwas zu viel und störend, daher gebe ich einen Punkt Abzug. Hier laufen zwei Geschichten ineinander, die man vielleicht noch besser getrennt oder sich auf eine beschränkt hätte. Nichtsdestotrotz ein Buch, das jeder Thrillerfan unbedingt lesen sollte!

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