Januar 2017

Neilson: Das Walmesser

 

5 von 5 Punkten - Irgendwo zwischen Kafka und Fitzek, ein angsteinflößender Thriller, der seinesgleichen sucht

 

nominiert zum Buch des Monats Januar 2017

Das eiskalte Grauen schlummert nicht hinter der nächsten Ecke, es schlummert auch nicht nachts im Wandschrank oder hinter der Haustür des Nachbars. Nein. Das eiskalte Grauen schlummert direkt in deinem Kopf. 

 

"Das Walmesser" ist laut Cover ein Färöer-Krimi, also ein Kriminalroman. Ich weiß nicht, ob ich diese Ansicht wirklich teile, denn für einen Krimi ist es fast schon zu gruselig. Erschütternde Albträume, bedrohlich geschilderte Szenarien, unheimliche Inselbewohner und deren seltsame Beziehungen untereinander schaffen hier ein Werk, das immer wieder an Kafka erinnert. Nicht sprachlich, aber was die kafkaeske Situation anbelangt. Plötzliche Verwandtschaft wird aufgedeckt, ein Mensch steht irgendwo im Nebel und auf einmal an einem völlig anderen Platz, aus Möwen werden regelrechte Killervögel. 

 

Das Walmesser ist so vollgepackt mit horrorähnlichen Szenen und Träumen, das ich überlege, ob es nicht viel mehr in die Kategorie des Horror-Roman passen würde. Dabei ähnelt es aber in keiner Weise einem billigen Splatter, sondern viel mehr hochkarätigem Psychohorror, durchzogen von feinsten Charakterzeichnungen und ausgestattet mit einem Protagonisten, dem man irgendwann selbst nicht mehr über den Weg traut. Und wie sollte man auch, wacht er doch eines morgens mit einem blutigen Messer in der Hand auf, mit der über Nacht ein anderer Bewohner getötet worden war, und erinnert sich an nichts mehr, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Dafür aber an eine dunkle Vergangenheit in Schottland, vor der er auf die einsamen Färöer-Inseln geflüchtet ist, wo er bald schon als Hauptverdächtiger festsitzt. 

 

Wahn und Geisteskrankheit, Genialität, Angst, Panik, Schockreaktion und brillante Kombinationsgabe werden hier miteinander verbunden. Die Landschaft wird so intensiv und lebhaft geschildert, dass man glaubt, sie direkt vor Augen zu haben. Dieses Buch ist ein wahres Meisterwerk, das einen eiskalt packt, sprachlich wie inhaltlich. Nur das Ende war im Vergleich zum Rest des Romans etwas unspektakulär, hier hätten man gerne auch noch etwas unheimlichere Elemente einbauen dürfen. 

 

Alles in allem jedoch ein Buch, das jeder Thriller-Liebhaber gelesen haben sollte. Doch Vorsicht, man sollte viel Zeit mitbringen, denn hat man den Page-Turner einmal geöffnet, kann man ihn nicht mehr so schnell zuklappen.

 

 

Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

 

2 von 5 Punkten - Herrlich ironisch, aber leider viel zu abstrus

Schon wieder ein gehypter Bestseller. Schon wieder ein Buch, das von der Kritik in den Himmel gelobt wurde. Und - leider - schon wieder ein Buch, das mir überhaupt nicht gefallen hat. 

 

An dieser Stelle steht normalerweise eine Inhaltsangabe, ich habe mich allerdings dazu entschieden, für dieses Buch auf eine Inhaltsangabe zu verzichten. Warum? Zum einen, weil bereits der Titel eine Form der Inhaltsangabe ist, zum anderen, weil der Inhalt so abstrus ist, dass es nicht viel Sinn macht, ihn zusammenfassen zu wollen. Wer gerne Bücher mit einer interessanten inhaltlichen Story liest, ist hier definitiv falsch. 

 

Warum bekommt das Buch trotzdem noch zwei Punkte? Man muss zugeben, dass Jonasson schreiben kann. Und er besitzt eine herrlich zynisch lakonische Art, sich über die vollkommene Weltfremdheit seiner Protagonisten lustig zu machen. Überraschende Wendungen, eine Pointe nach der anderen, toller Schreibstil. Das allein reicht aber leider nicht. Vielleicht bin ich generell nicht das richtige Publikum für dieses Buch, da ich eher traurige Bücher mit Tiefgang lese. Hin und wieder lasse ich mich aber auch gerne unterhalten, so z.B. von David Safier, der zwar sprachlich nicht ganz so ausgefeilt schreibt wie Jonasson, aber auch einen herrlichen Humor besitzt. Auch diese Geschichten gehen vollkommen an der Realität vorbei, machen aber trotzdem im Kontext gesehen Sinn. Einen Sinn, den Jonasson leider verliert, da er viel zu viele Details aneinanderreiht, die einfach nichts miteinander zu tun haben, und leider kein wirklicher roter Faden entsteht. 

 

Wie dieses Buch ein so großer Erfolg werden konnte, ist mir ein Rätsel. Es ist interessant anzulesen, aber nachdem man die ersten fünfzig Seiten Jonasson hinter sich hat, reicht es dann auch.

 

 

 

Enger: Die Geschenke meiner Mutter

 

3 von 5 Punkten - Wunderschön geschrieben, aber leider sterbenslangweilig

"Die Geschenke meiner Mutter" erzählt die Geschichte einer Frau, deren Mutter an Alzheimer erkrankt ist. Während diese ihr immer mehr und mehr entgleitet, räumt die Protagonistin ihr ehemaliges Zuhause aus und findet dabei eine Liste, in der ihre Mutter alle Geschenke notiert hat, die sie jemandem geschenkt oder von demjenigen geschenkt bekommen hat. 

 

Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass Cecilie Enger wunderbar schreiben kann. Die Wortwahl ist außergewöhnlich, bisweilen gibt es poetische Passagen, die an Autorinnen wie Lilly Lindner erinnern, auch wenn die poetische Dichte bei jener um ein vielfaches höher ist. Enger spricht über die Zeit, über Bilder, die ihre Protagonisten lebendig werden lassen und versteht es, aus vielen kleinen Details ein großes Bild zu formen. Damit war für mich von der ersten Seite an klar, dass das ein ganz besonderer Roman ist und dass diese Autorin ein Talent besitzt, das sie von den meisten kommerziellen Schriftstellern unterscheidet. Vermutlich ist es auch diese besondere Sprache, die den Roman so erfolgreich machte, dass er in andere Sprachen übersetzt wurde, denn der Inhalt war es sicherlich nicht. Und damit kommen wir zum großen Manko: Der Handlungsplot.

 

So schön die Formulierungen sind, so sterbenslangweilig ist leider die Geschichte. Am Anfang findet man die vielen Ausschweifungen und Erinnerungen noch interessant, Enger unterstreicht die Eigenbeteiligung, indem sie ihre Protagonistin Cecilie nennt und Autobiographie und Roman verschwimmen lässt. Irgendwann merkt man allerdings, wie die Geschichte aus den Fugen gerät, und spätestens ab der Hälfte des Romans kämpft man sich von einem losen Kapitel ins Nächste. Es ist nicht so, dass die Momentaufnahmen bedeutungslos die Seiten füllen würden, vielmehr hat man den Eindruck, dass die Autorin mit aller Gewalt immer und immer wieder dieselbe Geschichte mit anderen Beteiligten erzählt, und irgendwann nervt das einfach nur noch. Schade, dass dieser Roman, der sprachlich so viel Potential besitzt, Fingerspitzengefühl und scharfe emotionale Beobachtungsgabe beweist, an der Handlung scheitert. Ansonsten hätte das ein richtiges Meisterwerk werden können. So ist er allerdings vor allem eins. Verschenkt.

 

 

Emants: Ein nachgelassenes Bekenntnis

 

3 von 5 Punkten - Durchschnittliche Weltliteratur

Alles beginnt mit einem Bekenntnis, mit einem Eingeständnis von Schuld und dem gleichzeitigen Verdrängen und Rechtfertigen derselben. 

 

"Ein nachgelassenes Bekenntnis" ist ein literarischer Roman, in dem der Protagonist schildert, warum er seine Frau ermordet hat. Dabei beginnt er ganz von vorn, bei seiner Kindheit. So entsteht eine Art literarische Scheinbiographie, auch wenn es sich beim Protagonisten um eine fiktive Figur handelt. 

 

Die Thematik des Buchs ist hervorragend umgesetzt. Man merkt zunehmend, wie aus einem unbeschriebenen Blatt ein Mensch entsteht, der sich immer mehr von der Gesellschaft und gleichzeitig auch von sich selbst entfremdet. Seine Wahrnehmung verdreht sich, wird wirrer, die Schuld an seinen eigenen Gefühlsmissständen gibt er den Menschen um ihn herum. Wir haben es hier mit einem Protagonisten zu tun, der sowohl massive Selbstzweifel, Antriebslosigkeit und Depression, als auch einen übersteigerten Narzissmus aufweist. 

 

Die Sprache des Romans ist ganz klar "Hohe Literatur", sofern es so etwas gibt. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, der Schreibstil ist etwa Ende des 19. Jahrhunderst einzuordnen, der Autor Marcellus Emants lebte von 1848 bis 1923. Es herrscht eine kontinuierlich wachsende, unbestimmte Bedrohung, die leicht an Kafka erinnert, auch wenn sie dort in ganz andere, noch viel wahnhaftere Fantasien ausufert. 

 

Zusammenfassend ist "Ein nachgelassenes Bekenntnis" ein hervorragendes Buch für Literaturliebhaber, aber sicher auch ein Nischen-Roman und nichts für die kommerzielle Unterhaltungsbuchbranche. Manchmal wurde der Roman selbst mir zu langatmig, daher gibt es nur drei Sterne. Eine brilliante Sprache allein kann über inhaltlich mangelhafte Passagen leider nicht hinwegtäuschen. Aber die Idee ist definitiv hervorragend, in Emmants Verständnis von Alleine-unter-Menschen-Sein konnte ich mich an vielen Stellen wiedererkennen, seine Charakterarbeit ist beeindruckend. Verglichen mit kommerziellen Schmökern wären hier sicherlich vier oder sogar fünf Punkte drin, allein für das literarische Können des Autors, aber da ich Bücher im Kreise der ihnen ähnlichen bewerte, sehe ich für Weltliteratur leider nur ein durchschnittliches Buch.

Temple: Die Schuld vergangener Tage

 

2 von 5 Punkten - Ernüchternd

Ich bin mit hohen Erwartungen an den Thriller "Die Schuld vergangener Tage" herangegangen, da sowohl Klappentext als auch Rezensionen sehr vielversprechend aussahen. War ich auch beim ersten Kapitel noch voll dabei, so dauerte es nicht lange, bis ich mich Seite um Seite vorwärts gequält habe. Rückblickend muss ich leider sagen - ich habe selten einen dermaßen schlechten Thriller gelesen. 

 

Das Hauptproblem beginnt damit, dass der Autor viel zu viele Charaktere ins Spiel bringt, die er aber schnell wieder aus den Fingern verliert und irgendwann aus dem Nichts wiederaufgreift. Wer hier dabeibleiben möchte, sollte sich am Besten von Anfang an Notizen darüber machen, wer wer ist. Das, was viele Kritiker seine "brilliante Beobachtungsgabe" nennen, erschien mir viel mehr wie Unfähigkeit für Emotionen der Handelnden sowie gänzliches Übersehen von offensichtlichen Hinweisen. Stichwort: Ken. Mehr kann ich ohne Spoilern dazu im Moment nicht sagen, aber bis der Protagonist endlich das Rätsel um Ken lüftet, würde man ihn am liebsten fest durchschütteln angesichts der Dummheit, die er dabei an den Tag legt. 

 

Dass das Buch überhaupt noch zwei und nicht nur einen Punkt bekommt, liegt daran, dass es sprachlich passabel geschrieben ist. Wer auf vollkommen kalte Thriller steht, deren Protagonist einem einfach zuwider ist, sowohl menschlich, als auch fachlich; wer gerne Bücher mit Antihelden liest; wer auf raue Gangstergeschichten und Undercover-Ermittlungen im Drogenmilieu steht, dem könnte das Buch gefallen. Aber meinen Geschmack hat es ganz und gar nicht getroffen. Ernüchternd!

Deaver: Wahllos

 

5 von 5 Punkten - Rasanter Thriller, der an 'The Mentalist' erinnert

Wenn man die Serie "The Mentalist" nimmt und in einen Roman mit noch mehr involvierten Personen und unerwarteten Wendungen umschreibt, dann bekommt man einen Thriller wie "Wahllos". 

 

Die Geschichte handelt von einem Killer, der Massenpaniken auslöst, um Menschen zu töten. Dafür spielt er mit deren Angst und Bewusstsein, er sorgt dafür, dass die Menschen selbst zu der Gefahr werden, die sie letztendlich tötet. Agent Dance ist ihm auf der Spur, während sie nebenher ihr Privatleben zu managen versucht. Da sind zwei Männer, die eine Beziehung mit ihr möchten, zwei Kinder, die seit ihrer Scheidung viele Veränderungen durchmachen mussten, Kollegen, die sie nicht leiden können, und zu guter Letzt auch noch eine Suspendierung, weil ihr ein schwerer Fehler unterlaufen ist. 

 

Wahllos ist ein Thriller, der durch viele parallele Handlungsplots besticht. Obwohl es sich hier wirklich um einen dicken Schmöker handelt, habe ich das Buch an nur einem Tag durchgelesen, da ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte und unbedingt wissen musste, was als nächstes geschieht. Deaver brilliert darin, den Spannungsbogen stetig weiterzustricken, geschickt die Perspektive zu wechseln und seinen Leser so nie - wirklich nie (!) - über langweilige, unnötige Erzählpassagen stolpern zu lassen. All die actiongeladene Handlung und das interessante Personengeflecht präsentiert er uns zudem in einer sehr angenehm zu lesenden Sprache, die in etwa dem durchschnittlichen amerikanischen Thriller entspricht. Besonders gelungen ist auch sein Spiel mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit, er weiß, wie er seine Leser täuschen kann. Jedesmal, wenn man denkt  aha, jetzt weiß ich, was lost ist, setzt er einfach eine neue Wendung und alles erscheint in einem völlig anderen Licht. Lediglich das Ende fand ich nicht ganz so gelungen. Es war nicht schlecht, aber gerade, da so viele verschiedene Handlungsstränge im Buch vorkommen, hätte ich mir noch etwas mehr Verflechtung derselben gewünscht, manche werden einfach bezugslos nebeneinander stehen gelassen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass er, so sehr er davor ins Detail ging, am Ende versucht, so schnell wie möglich alles aufzulösen, eine Erkenntnis folgt der nächsten, Knall auf Fall. Vielleicht etwas zu plötzlich. Hier hätte mehr Weitschweifigkeit sicher nicht geschadet. 

 

Alles in allem ein Buch, das jeder Thriller-Fan gelesen haben sollte, ein echter Page-Turner, der selbst dann noch überrascht, wenn man glaubt, man wäre bereits am Ende der Story angelangt. 

Hall: Bei den Wölfen

 

5 von 5 Punkten - Außergewöhnlich!

Nominiert zum Buch des Monats Januar 2017

Wenn man herausragende Prosa mit poetischen Momentaufnahmen eines Lebens mischt - dann erhält man einen Roman wie "Bei den Wölfen", der brilliert, leise ist, und doch so laut und stark, detailverliebt, unmittelbar und kunstvoll.

 

Es ist schwierig, zusammenzufassen, wovon der Roman handelt. "Bei den Wölfen" erzählt die Geschichte von Rachel, die an einem Projekt mitarbeitet, bei dem Wölfe in einem englischen Reservat angesiedelt werden sollen. Damit ist der Inhalt aber keineswegs angemessen zusammengefasst, denn eigentlich geht es um viel mehr, als diese Rahmenhandlung. Es geht um Familie, um verletzte Seelen, Gefühle, Einsamkeit, Abweisung und Nähe. "Bei den Wölfen" ist ein Spiegelbild des Innenlebens einer starken jungen Frau, die ihren eigenen Weg sucht und irgendwie findet. Es ist ein Roman über das Scheitern, über die Fehler dieser Welt, die Mäkel, die dazugehören. Gerade die fehlende Perfektion, das offensichtliche Versagen, machen die unmittelbare Echtheit dieses Meisterwerks aus.

 

Auch sprachlich brilliert Sarah Hall mit einem eigenen Stil, ausgewähltem Vokabular, unprätentiösem Satzbau. Sie hat ein Gespür dafür, wie man Dinge beschreibt, so dass sie vor dem inneren Auge vor sich sieht. Obwohl ich mit Wölfen bisher nie viel anfangen konnte, war ich absolut fasziniert von ihnen im Laufe des Romans, so außergewöhnlich schildert sie die Autorin und das gleichzeitig ohne kitschig oder übertrieben gefühlsduselig zu klingen. 


"Bei den Wölfen" ist eine echte Perle der neuen Literatur. Wer gerne auch einmal ruhigere Romane liest, die zum Nachdenken anregen und bittersüß schmecken, der ist hier genau richtig.

Lasthaus: Das Frostmädchen

3 von 5 Punkten - Durchschnittlich

Wenn der Roman "Das Frostmädchen" nur annähernd so gut wäre, wie die Cover-Gestaltung, dann hätte man es hier mit einer echten Perle unter den Fantasyromanen zu tun. Leider kann die sprachliche und inhaltliche Qualität jedoch nicht mit dem Design und Verkaufspaket, in dem "Das Frostmädchen" daherkommt, mithalten. 

 

Die Geschichte handelt von Neve und Lauri, die sich in einer eiskalten Winternacht zufällig begegnen, als Neve vor ihrem gewalttätigen Freund Gideon flieht und im Schnee zu erfrieren droht. Lauri nimmt sie zu sich und gewährt ihr Schutz, die beiden kommen sich näher und schon bald merkt er, dass mit Neve etwas nicht stimmt. Manchmal wirkt sie, als käme sie von einem anderen Stern, beginnt zu schlafwandeln und sieht Dinge, die andere Menschen nicht sehen können. Und sie ist kalt. Eiskalt. Als die beiden anfangen, mehr füreinander zu empfinden, können sie noch nicht ahnen, dass ihre Liebe bald auf eine harte Probe gestellt wird, denn die Winterherrin hat eigene Pläne, was die Zukunft von Neve und Lauri betrifft...

 

"Ein großes Epos über Liebe, Magie und dunkle Gefahren". So wird "Das Frostmädchen" im Klappentext beworben - zurecht? Liebe und Magie sind mit Sicherheit die beiden Themen, um die sich der Roman dreht, als Epos würde ich das Buch aber bei Weitem nicht bezeichnen. Es ist viel mehr ein durchschnittlicher Fantasy-Roman, der hin und wieder mit schönen Wintermetaphern besticht, oft aber gewollt poetisch und plakativ daherkommt. Die Gefühle werden hier so übersteigert beschrieben, dass sie unecht wirken, man kann sich nicht mehr wirklich mit den Protagonisten identifizieren und zweifelt manchmal einfach nur noch an derer Dummheit und Melodramatik. Ein wenig Leseunterhaltung bietet der Roman mit Sicherheit, da die beschriebene Winterlandschaft sehr schön ist und Lust macht auf mehr, das war es dann aber auch. Die Geschichte könnte man in ein paar wenigen Sätzen zusammenfassen, es geschieht kaum etwas, der Handlungsraum bleibt auf ein kleines Stück Wald und Lauris Hütte begrenzt. Mehr involvierte Personen hätten vermutlich für mehr Spannung sorgen können, etwas weniger Gefühlsduselei für mehr Glaubwürdigkeit. Manchmal ist eben weniger mehr, und insbesondere, wenn man das Gefühl hat, die Autorin möchte poetisch schreiben, obwohl sie eigentlich einen recht durchschnittlichen Jugendbuchschreibstil hat, machen falsch konstruierte Satzgefüge die winterlich geheimnisvolle Atmosphäre eher kaputt, als sie zu untermalen.

Oktober und November 2016

Wilken: Sturm über dem Meer

4 von 5 Punkten - Sehr gut!

"Sturm über dem Meer" von Constanze Wilken ist eine Mischung aus Roman und Krimi. 

 

Die Geschichte spielt in Wales. Sam, eine junge Wissenschaftlerin, versucht Hinweise für die tatsächliche Existenz eines mythenumwobenen, versunkenen Königreichs in Borth zu finden. Während sie nach Überresten eines alten Stegs sucht, macht sie eine schlimme Entdeckung - vor vielen Jahren wurde eine Leiche im Meeresboden vergraben, die nun wieder zum Vorschein kommt. Als Sam erfährt, dass es sich bei dem Toten vermutlich um ihren verschwundenen Großvater handelt, beginnt sie selbst Nachforschungen anzustellen, was damals wirklich geschehen ist. Es stellt sich heraus, dass das beschauliche Örtchen Borth in Wahrheit gar nicht so friedlich und idyllisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint...

 

"Sturm über dem Meer" hat mir außerordentlich gut gefallen. Der Titel hat mich zunächst nicht sonderlich angesprochen, da er eher einen seichten Liebesroman erwarten lässt, was aber keineswegs der Fall ist. Sprachlich ist der Roman gut lesbar geschrieben, viel wörtliche Rede vermittelt den Eindruck von unmittelbarer Direktheit der Geschehnisse. Die Handlungsstränge sind intelligent miteinander verknüpft und die Spannung ist an manchen Stellen kaum auszuhalten, man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Außerdem ist die Handlung nicht vorhersehbar, gerade am Ende wird man noch einmal um viele Ecken geführt und jedes Mal, wenn man glaubt, die Hintergründe durchschaut zu haben, tun sich neue Facetten auf, die die Vergangenheit in einem anderen Licht beleuchten. 

 

Dass es nur vier Sterne anstatt fünf Sterne gibt, liegt daran, dass mir ein bisschen das Tüpfelchen auf dem i, die Besonderheit bei diesem Roman gefehlt hat. Insbesondere am Ende gibt es leider auch immer wieder Passagen, die dann doch etwas erzwungen wirken, so z.B. die Geschichte zwischen Luke und Sam, die m.E. einfach nicht in den Roman passt und ibisweilen etwas flach wirkt. 

 

Alles in allem ein Roman, den man, trotz der vielen Seiten, in einem Zug durchlesen kann und der einen auf jeden Fall unterhält und mitreißt.

Simon: Ein Gefühl wie warmer Sommerregen

3 von 5 Punkten - Kaufempfehlung

"Ein Gefühl wie warmer Sommerregen" ist ein Frauenroman, in dem es, wie der Titel bereits erahnen lässt, um Liebe geht. 

 

Alis rettet während ihrer Tätigkeit im Lifeboat (Seerettung) Evan, einem jungen Tierarzt, der von den Klippen ins Wasser abgerutscht ist, während er versucht hat, ein Schaf zu bergen, das Leben. 

Zunächst geht sie davon aus, ihn so schnell nicht wiederzusehen, dann wird sie allerdings auf Grund einer Krankheit ihrer Mutter zu deren Pferdefarm bestellt, um dort vorübergehend auszuhelfen. Es stellt sich heraus ,dass Evan der zuständige Tierarzt dort ist, und so kommen sich die beiden allmählich näher.

 

Inhaltlich konnte mich "Ein Gefühl wie warmer Sommerregen" leider überhaupt nicht überzeugen. Es ist unglaublich Klichée-haft, erinnert an Rosamunde Pilcher und Inga Lindström Geschichten. Es gibt zwar immer wieder ein paar Momente und "Rätsel", die für Spannung sorgen sollen, diese kann aber nicht ernsthaft aufgebaut werden, da seichte und platte Dialoge und Szenerien zwischen Alis und Evan den Spannungsbogen regelmäßig zunichte machen. 

Nichtsdestotrotz möchte ich dem Buch gerne drei Sterne geben, dafür, dass es sprachlich ausgezeichnet geschrieben ist (würde ich nur die Sprache bewerten, hätte es mindestens vier Sterne). Obwohl mir der Inhalt nicht sonderlich zugesagt hat, habe ich es in kürzerster Zeit komplett durchgelesen, denn die Wortwahl macht Lust auf mehr. Es handelt sich um keinen besonderen, poetischen Stil, aber einfach das Vokabular und die Art und Weise, mit der die Autorin die Sätze verknüpft haben mir sehr gut gefallen. 

 

Alles in allem definitiv ein Buch, das unterhält, vielleicht auch eine gute Urlaubslektüre. Allerdings kein herausragendes Buch, das einem nach dem Lesen noch lange im Gedächtnis bleiben würde. 

 

Scheler: Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen

4 von 5 Punkten - Sehr gut!

Ulla Scheler ist ganz neu in der Buchbranche, im August erschien ihr Debut "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen". 

 

Die Geschichte handelt von Hannah und Ben, die nach dem Abitur nicht wissen, wie es weitergehen soll und sie ihre Freundschaft aurecht erhalten können, wenn sie doch beide in ganz andere Städte ziehen werden. Vom Charakter her sind sie grundverschieden. Während Ben der Draufgänger ist, der heimlich Graffitis sprayt oder auch mal für Wochen ohne ein Wort verschwindet, ist Hannah eher ruhig und ängstlich. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich an Bens Seite stärker und so entsteht das Spiel "I dare you", bei dem sich die beiden gegenseitig Mutproben stellen. Eine solcher Mutproben war die, dass Hannah Ben auf einen Ausflug ans Meer begleiten soll. Was die beiden noch nicht wissen - dort gibt es eine Legende derzufolge jedes Jahr ein junger Mann im Meer umkommt. Und bald schon häufen sich die Anzeichen, dass Ben dieser junge Mann sein könnte...

 

"Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" ist ein gefühlvolles, dramatisches Jugendbuch, das ich hauptsächlich Lesern im Alter von 15-18 Jahren empfehlen würde. Der sprachliche Stil ist im Großen und Ganzen eher einfach gehalten und entspricht in etwa dem für Jugendbücher üblichen Niveau. Hin und wieder gibt es aber wirklich schöne, geradezu poetische Passagen, die einen mitten ins Herz treffen (ohne allerdings prätentiös zu wirken). Die Charaktere Ben und Hannah sind sehr eindrücklich geschildert, in wenigen Worten schafft es die Autorin, deren Persönlichkeiten klar abzuzeichnen und den Leser mitzunehmen auf eine Reise in ihre Welt. 

 

Ich persönlich hätte es noch schön gefunden, wenn sich die Autorin noch etwas mehr vom Mainstream entfernt hätte, denn das Potential dazu hat sie, das merkt man immer wieder. Gespannt wäre ich auch darauf, wie sie wohl ein Buch für Erwachsene schreiben würde. 

 

Alles in allem ist "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" ein Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann. Es wird vermutlich keinen großen Buchpreis gewinnen, weil es dafür zu "gewöhnlich" ist, aber das Potential ist da und es ist eine Geschichte, die berührt und unterhält. Besonders das Ende ist wirklich beeindruckend.

 

 

Soseki: Kokoro

Nominiert zum Buch des Monats!

5 von 5 Punkten - Non plus ultra!

"Kokoro" ist ein wahres Meisterwerk der Weltliteratur!

 

Der Roman handelt von einem geheimnisvollen Sensei, der eine dunkle Vergangenheit mit sich herumträgt und unter Verschwiegenheit und scheinbarer Gleichgültigkeit verbirgt. Ein junger Mann freundet sich mit ihm an, versucht mehr über ihn und die scheinbar perfekte Ehe zu seiner Frau zu erfahren und möchte vom Sensei einiges über das Leben und die Liebe lernen. 

 

Der Handlungsplot an sich klingt nicht sonderlich spannend, das möchte dieses Buch aber auch gar nicht sein, zumindest nicht auf eine actiongeladene Art und Weise. Das hier ist nicht einfach eine Geschichte, die Unterhalten soll, Kokoro ist echte Literatur. Literatur, das bedeutet, dass die Sprache ausgesprochen kunstvoll und der Wortschatz sehr abwechslungsreich und ungewöhnlich ist, dass Handlungsstränge auf intelligente Art und Weise miteinander verknüpft werden, dass wir nicht einfach lesen, sondern mitleben. Es bedeutet allerdings auch, dass das keine leichte Ferienlektüre ist, sondern definitiv ein hohes Niveau und auch entsprechend anspruchsvolle Stellen mit sich bringt. Ob man das mag, muss man selbst entscheiden, mir hat es außerordentlich gut gefallen. 

 

Besonders beeindruckend fand ich die leise Poesie, derer sich der Autor bedient. In unserer westlichen Welt bekommt man leider viel zu wenig mit von asiatischen Klassikern, in diesem Fall der meistgelesene Roman Japans. Gerade dieses andere, fremde, und doch authentische Flair hat mir sehr gut gefallen. Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit der japanischen Kultur, die in diesem Roman auf wundersam einfühlsame und lebendige Weise umschrieben wird. Auch die Art und Weise, wie der Autor eine Depression in Worte zu fassen vermag, hat mich verblüfft, so echt und unmittelbar wie die Abgründe dieses tristen Graus auf einen einstürzen.

 

Alles in allem ein Buch für Philosophen, Denker, Literaten. Ein Buch für Menschen, die sich für Neues und Fremdes interessieren, die auch einmal gegen den Strom schwimmen, ihren eigenen Platz in der Gesellschaft suchen. Ein Buch für Menschen, die die Liebe, das Leben und den Tod hinterfragen. Einer der besten klassischen Romane, den ich kenne!

Graves: Das Kind im Wald

4 von 5 Punkten - Sehr gut!

"Das Kind im Wald" ist ein rasanter Thriller (auch wenn auf dem Einband Kriminalroman steht gehört es m.E. mehr in die Thriller-Kategorie), der von der trüglichen idyllischen Abgeschiedenheit auf dem Land erzählt. 

 

Lizzie Snow, eine Kommissarin aus Boston, wird in eine Kleinstadt versetzt, was für sie zunächst einmal eine starke Herabstufung und Umstellung mit sich bringt. Eigentlich nimmt sie den Job nur an, weil ihre vor Jahren verschwundene Nichte angeblich dort im Wald gesehen wurde und sie sich so die Chance erhofft, sie wiederzufinden. Doch Lizzie ist nicht die einzige, die eigentlich etwas anderes mit ihrer Versetzung bezweckt, als auf dem Papier steht. Auch der Polizist, der sie in das Dorf berufen hat, möchte sie in Wahrheit für einen Mordfall da haben. Es kam wiederholt zum Tod und Suizid von Polizisten, er glaubt allerdings als einziger nicht an bloße "Unfälle", sondern geht von Mord aus. 

So findet sich Lizzie zwischen zwei Fällen in Bearkill wieder, beginnt eine Dreiecksbeziehung, stellt sich ausgerechnet einen Jugendlichen als Haushaltshilfe an, der dafür bezahlt wird, sie zu bespitzeln, und ahnt nichts davon, was im Dunkel der Wälder tatsächlich vor sich geht. 

 

Auch wenn der Krimi auf dem Land spielt, sollte man keinesfalls davon ausgehen, dass es hier nur sehr "langsam" und "beschaulich" zur Sache geht. Es handelt sich hier um einen ausgesprochen rasanten Roman, der bereits vom ersten Kapitel an fesselt. Eine Handlung trifft auf die nächste, die Interaktionen der verschiedenen Personen werden geschickt miteinander verknüpft, so mancher Cliffhanger am Ende eines Kapitels zwingt einen, das nächste auch noch lesen zu müssen. 

 

"Das Kind im Wald" hat mir sehr gut gefallen, da es sich hierbei um einen Thriller voller Action handelt, bei dem man komplett mitfiebert. Die Sprache ist unprätentiös, hätte m.E. allerdings ein wenig komplexer sein dürfen, dafür gibt es einen Punkt Abzug. Ansonsten aber ein tolles Buch, das man in einem Zug durchlesen kann, definitiv unterhaltsam und voller Nervenkitzel!

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