Lesemonat: Juli 2016

Picoult: Bis ans Ende der Geschichte

4 von 5 Punkten - Sehr gut!

Sage Singer ist eine junge Bäckerin, die ihre Mutter bei einem von ihr verursachten Autounfall verlor, weswegen sie eine Trauergruppe besucht, wo sie den 90-jährigen Josef kennenlernt, mit dem sie sich schnell anfreundet. Eines Tages offenbart dieser ihr ein Geheimnis, er war Mitglied der SS und Offizier in Auschwitz. Daraufhin bittet er sie um Vergebung und Sterbehilfe. Sage weiß nicht, wie sie reagieren soll. Sie selbst ist Jüdin und ihre Großmutter war in Auschwitz Gefangene. Kann man so etwas vergeben? Darf man das vergeben? Oder sollte sie nicht viel mehr dafür sorgen, dass er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird?

 

Jodi Picoult ist bekannt für ihre emotional ergreifenden Romane über schwer erschütternde Themen, und auch hier hat sie wieder ein dunkles Thema der Geschichte in die Hand genommen, um es in lebendige Bilder und tiefe Gefühle zu verpacken. Die Geschichte ist eigentlich aus zwei Perspektiven erzählt, einmal erlebt man die Geschichte von Sage, die in der heutigen Zeit stattfindet, und einmal die Geschichte ihrer Großmutter, die eine Art Rückblick ist. 

 

Dabei bringt sie starke Charaktere ins Spiel, mit denen man schnell mitgehen kann und in die man sich sehr gut hineinversetzt. Es gibt auch eine kleine Parallelgeschichte, eine Art Mythos über einen Vampir, man sollte hier aber nun kein Fantasybuch erwarten, da das nur einzelne Kapitel sind und mehr eine metaphorische Bedeutung für den Holocaust hat. Diese Kapitel fand ich persönlich am schönsten, weil sie ausgesprochen poetisch und irgendwie vollkommen anders sind. 

 

Einen Stern Abzug gebe ich dafür, dass ich das Gefühl habe, dass die Zweiteilung nicht überall ganz geglückt ist, vielleicht wäre es hier besser gewesen, sich lediglich auf die Geschichte der Großmutter zu konzentrieren und überhaupt keinen Bezug zu heute aufzubauen, da dieser (zumindest nachdem man erfahren hat, was damals im KZ passiert ist) irgendwie unpassend und zu lapidar wirkt. 


Nichtsdestotrotz ist "Bis ans Ende der Geschichte" ein großartiger Roman, den man unbedingt lesen sollte und über den man auch noch lange, nachdem man die Buchdeckel geschlossen hat, nachdenken wird. 

Diffenbaugh: Weil wir Flügel haben

3 von 5 Punkten - Kaufempfehlung

"Weil wir Flügel haben" erzählt die Geschichte von Letty, einer jungen Frau, die bereits im Teenager-Alter zum ersten Mal schwanger wurde und damit gnadenlos überfordert war. So kam es, dass die Elternrolle hauptsächlich auf ihre Mutter zurückfiel, die diese auch jahrelang für Lettys beide Kinder, Luna und Alex, übernommen hat. Dann allerdings ziehen die beiden Großeltern eines Tages plötzlich in ihre Heimat in Mexiko zurück, Letty und die Kinder bleiben in den USA und so ist Letty, Anfang 30, gezwungen, sich nun selbst um ihre beiden Kinder zu kümmern. Zunächst ist sie ganz auf sich allein gestellt, Unterstützung bekommt sie von Seiten eines netten Kollegen, mit dem sich bald eine kleine Romanze anbahnt, und dann gibt es auch noch Wes, Alex Vater, der allerdings bisher noch gar nicht weiß, dass Alex überhaupt existiert. Außerdem wird die Geschichte von Alex erster Liebe erzählt, der sich ausgerechnet in ein Mädchen verliebt, das selbst Probleme hat, in der Schule gemobbt wird und illegal in den USA ist. 

Ich habe lange überlegt, wie ich "Weil wir Flügel haben" bewerten soll, und bin zwischen zwei und vier Sternen hin- und hergeschwankt. Einerseits besitzt die Geschichte sehr viel Potential. Sie behandelt ernste Themen, wie z.B. die legale und illegale Immigration von Mexiko in die USA und zurück, dieses wird allerdings meines Erachtens nur leicht angerissen und nicht wirklich ausgeschöpft, was ich sehr schade finde. Mir ist auch nicht ganz klar, was für einen Roman Vanessa Diffenbaugh denn nun schreiben wollte. Sollte das ein Frauenroman werden? Durch die Dreiecksgeschichte zwischen Letty, ihrem Kollegen in der Bar und Wes hat man ein Stück weit den Eindruck, aber auch das wird wieder nur "angeschnitten" und nicht wirklich zur Hauptthematik des Romans gemacht. Hin und wieder seichtere Passagen scheinen den Eindruck ebenfalls zu verstärken, aber dann kommen wieder wirklich starke, tragische Elemente, die auf einen tieferen, poetischeren Roman schließen lassen. An diesen Stellen sind die Worte mit Bedacht gewählt, werden wie ein leichter Windhauch über die Seiten getragen, streichen einen, ohne kitschig zu sein, sind auf eine schlichte Art wunderschön. Gerade, dass sie so klar und ungeschmückt sind, macht sie so echt. Momente, wie z.B. die Szene, in der Letty mit Alex einen Cocktail mixt und sich die beiden zum ersten Mal auf eine derart skurrile Art näher kommen, gehen wirklich zu Herzen und kommen überhaupt nicht konstruiert, sondern einfach wahnsinnig echt rüber. 
Trotzdem hat mir immer etwas gefehlt, das i-Tüpfelchen war einfach nicht da jedes Mal, wenn ich in einen Lesefluss geraten bin, kam dann doch wieder ein langweiliges Kapitel dazwischen, durch das ich mich hindurchkämpfen musste, und auch sprachlich war ich zwar nicht wirklich abgeschreckt, aber auch nicht gerade begeistert. Ich brauche eigentlich nicht unbedingt viel Handlung, im Gegenteil, Bücher mit viel Innenleben sind mir noch viel lieber, das Problem hierbei ist allerdings, dass es vordergründig ein "innerer" Roman sein möchte, sich allerdings hauptsächlich durch äußere Handlung aufbaut und das beißt sich leider, denn so können weder ein steigender Spannungsbogen, noch herzzerreißende Emotionen entstehen.
Alles in allem denke ich, dass "Weil wir Flügel haben" kein weltbewegender Roman sein wird, der einen noch lange verfolgt, aber einen Kauf auf alle Fälle wert ist und sich insbesonders als sanfte Lektüre für Sommerabende sehr gut eignet. Als Zielgruppe sehe ich hauptsächlich erwachsene Frauen, die keinen Wert auf eine literarische Sprache legen, sondern lieber einen natürlichen Stil schätzen, und gerne leise, bedächtige Romane lesen. 

Ohlssen: Himmelschlüssel

5 von 5 Punkten - Non plus ultra!

Buch des Monats Juli 2016

Buch des Monats!

 

Himmelschlüssel besticht durch eine herausragende Sprache, einen konsequenten Spannungsaufbau und unvorhergesehene Wendungen. Es handelt sich hierbei um einen Thriller, der die Geschichte einer Flugzeugentführung schildert. Zunächst habe ich dabei ein Buch erwartet, in dem es darum geht, was sich an Bord der von Terroristen entführten Maschine abspielt und wie sich die Passagiere verhalten und in Panik ausbrechen. Das war allerdings überhaupt nicht der Fall, der Hauptteil von Himmelschlüssel spielt auf dem Boden bei den Ermittlern der Spo und der Polizei. Das hat mich im ersten Moment etwas enttäuscht, da ich Bücher, in denen es um CIA, FBI & Co. geht, eigentlich eher nicht so gerne mag, insbesondere wenn auch noch Regierungsverhandlungen und politische Hintergründe wie in Himmelschlüssel eine Rolle spielen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich das Buch vermutlich nie gelesen. Umso überraschter war ich, dass ich es trotzdem nicht aus der Hand legen konnte. Zunächst war es nur der sprachliche Stil, der mich so gefesselt hat, dass ich einfach immer weiterlesen wollte. Kristina Ohlsson ist es gelungen, durch einen abwechslungsreichen und klaren Wortschatz ein flüssiges Lesen zu ermöglichen, bei dem man die Geschichte geradezu in sich aufsaugen möchte. Es ist gerade die augenscheinlich einfache, tatsächlich wahnsinnig klug konstruierte Leichtigkeit ihrer Worte, die brilliert. Spätestens nach den ersten drei Kapiteln war ich dann aber auch inhaltlich so dermaßen gefesselt, dass ich das Buch in einem Zug durchgelesen habe und die Lesezeit wie im Flug verging. Man fiebert mit, rätselt, stellt Theorien auf, verwirft sie wieder und überlegt sich neue Handlungswendungen. Das Geniale an Himmelschlüssel ist, dass Ohlsson wie die meisten Thrillerautoren mit unerwarteten Pointen aufwarten kann. Allerdings ist es oft so, dass man solche Pointen bereits kennt und daher von Anfang an danach sucht, eine mögliche Wendung zu schlagen. Da sie allerdings die Option für mehrere Wendungen offenhält, wird man dennoch ständig aufs Neue überrascht. Auch das Ende und insbesondere das Nachwort der Autorin, das hier tiefer geht und mehr beinhaltet, als einfach eine Danksagung, haben mir sehr gut gefallen. Ich gebe zwar fast nie fünf Sterne, aber Himmelschlüssel hat sie sich definitiv verdient und erhält von mir das Prädikat "Buch des Monats Juli 2016".

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