Lesemonat September 2016

Safranski: Zeit

 

5 von 5 Punkten - ein philosophisches Meisterwerk über das größte Mysterium unserer Zeit - die Zeit selbst

Buch des Monats September 2016

"Zeit" von Safranski ist ein eher untypisches Buch in der Kategorie Lesemonat, da es nicht in das Genre Belletristik gehört, sondern eigentlich ein Sachbuch ist. Nichtsdestotrotz ist ein brilliantes Buch, das ich niemandem vorenthalten möchte und hat es sogar zum Buch des Buch des Monats geschafft. 

Worum es im Buch geht, sagt schon der Titel, nämlich um Zeit. Und schon glaubt der Leser zu wissen, wovon die Rede ist. Aber wissen wir das wirklich? Was ist denn überhaupt die Zeit? Gibt es Zeit überhaupt?

Stellt man sich diese Fragen von einer philosophischen Perspektive aus, so erkennt man sehr schnell, dass Zeit etwas Relatives, Geheimnisvolles ist. Ich war schon immer fasziniert vom Mysterium "Zeit" und so gehörte "Zeit" von Safranski zu meiner absoluten Pflichtlektüre. Beeindruckend finde ich, dass hier nicht immer nur rein sachlich und formal auf das Thema eingegangen wird, sondern sich auch immer wieder literarische Zugänge finden. Was für manchen vielleicht nur eine Zusammenfassung der Themen ist, die im Buch besprochen werden, ist für mich eine ganz eigene Form von Poesie. Es ist erstaunlich, aus wie vielen verschiedenen Perspektiven Safranski die Zeit betrachtet, wie er mit etwas arbeitet, das zunächst einmal substanzlos ist, und es langsam mit Inhalt füllt. Und je mehr Antworten er gibt, umso mehr Fragen entstehen, das ist das Schönste an diesem Buch. 

Es ist etwas für Menschen, die gerne einmal etwas Anderes lesen, weiterdenken wollen, als nur bis zum Horizont. Ganz klare Empfehlung an all diejenigen, die gerne philosophische und nachdenkliche Bücher lesen und die sich für interdisziplinäre Vernetzung interessieren, anstatt immer nur in ihrem eigenen Fachgebiet bleiben zu wollen. 

Zählt zu meinen Lieblingssachbüchern - und das nicht ohne Grund! Hochgradig intelligent, verwirrend, erleuchtend, ein großartiger Opus!

Picoult: Die Spuren meiner Mutter

 

4 von 5 Punkten - Schwächer als Jodis andere Romane, aber immer noch berührend und hervorragend!

Jodi Picoult ist eine Meisterin der traurigen, gesellschaftskritischen und zum Nachdenken anregenden Romane und zählt auf Grund der Themen, mit denen sie sich befasst, zu meinen Lieblingsautoren, auch wenn ich sie sprachlich eher dem Durchschnitt zuordnen würde, denn was Gefühle angeht, ist sie ganz groß!

In "Die Spuren meiner Mutter" erzählt sie die Geschichte von der dreizehnjährigen Jenna, die ihre vor 10 Jahren verschwundene Mutter Alice sucht. Die beiden haben damals zusammen in einem Elefantenschutzgebiet gelebt, indem Alice gearbeitet und über Trauer von Elefanten erforscht hat. Eines Tages fand man eine von einem Elfefanten niedergetrampelte Leiche, die man als Angestellte des Schutzgebietes identifiziert hat. Gleichzeitig wurde Alice bewusstlos auf dem Boden gefunden und in ein Krankenhaus gebracht, von wo sie spurlos verschwand, bevor sie irgendjemand vernehmen konnte. Jenna kann den Verlust ihrer Mutter nicht verkraften und möchte herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, ob ihre Mutter sie absichtlich verlassen hat oder ob sie vielleicht bereits tot ist. Auf ihrer Suche bekommt sie Unterstützung von dem Medium Serenity und dem ehemaligen Polizisten Virgil, der damals an dem Fall gearbeitet hat, nun aber nur noch ein Alkoholiker ist, dessen Leben in Scherben liegt. 

Die Spuren meiner Mutter ist alles in allem ein sehr sanfter und leiser Roman. Hier wird nicht auf die große Glocke gehauen, die Poesie und Magie liegen in den kleinen Augenblicken. Wie Jodi Picoult die Elefanten beschreibt, hat mich zutiefst gerührt, obwohl ich mit Elefanten bisher eher weniger anfangen konnte. Die Geschichte an sich ist super aufgebaut, in der Mitte gibt es allerdings einige Längen, die man sich m.E. hätte sparen können, da der Roman nicht wirklich vorankommt. Etwas schwer getan habe ich mich auch mit der Tatsache, dass Jodi hier (nicht zum ersten Mal, aber doch eher selten) übersinnliche Elemente (Medium, Geister usw.) eingebaut hat. Daran musste ich mich zunächst gewöhnen, nach einigen Kapiteln war dies aber kein Problem mehr und ich habe gerne weitergelesen. Würde ich den Roman nur bis zur Mitte beurteilen, würde ich ihm drei Sterne geben, da mir einfach die "Größe" des Themas etwas fehlt. Ansonsten hat sich Jodi Picoult mit Krankheiten, Suizid, Leben und Tod intensiv auseinandergesetzt, wobei es einem bereits von Anfang an das Herz zerissen hat. Dieses Buch braucht deutlich länger, bis es einen berührt. Dann aber dafür umso mehr. Für das Ende des Buches würde ich eindeutig fünf Sterne geben, daher habe ich mich letztendlich für vier entschieden. Ich war komplett überrascht und auch zutiefst getroffen, als ich die letzten hundert Seiten gelesen habe, die unglaublich brilliant sind und einen direkt ins Herz treffen. Irgendwie hat das Ende gleichzeitig auch ein sehr unangenehmes Gefühl in mir hinterlassen, ein Gefühl von Trauer und Enttäuschung, aber auf alle Fälle hat es eins: Es hat mich zutiefst bewegt! Und ich kann dieses Buch jedem weiterempfehlen, der auch gerne einmal Bücher liest, die schmerzen und einen mitten ins Herz treffen. 

Kornmehl: Alles, was wir wissen konnten

 

4 von 5 Sternen - Sehr gut, schön, anders!

"Alles, was wir wissen konnten" erzählt die Geschichte der niederländischen Jüdin Jet, die von ihrem Nachbarn, einem Nationalsozialisten, sexuell missbraucht und vergewaltigt wird. Dabei wird sie schwanger und bekommt ein Kind von ihm. Nach langem Kampf mit sich selbst, entschließt sie sich, dieses Kind in die Obhut seines Vaters zu geben, da sie als Jüdin keine guten Voraussetzungen für dessen Zukunft bieten kann. Ohne zu wissen, wer seine Mutter war und wie er gezeugt wurde, wächst ihr Sohn dann bei seinem Vater auf. 

Die Geschichte ist zweigeteilt, erzählt zum einen die Jugend und das Heranwachsen von Jet, später dann die Geschichte ihres Sohnes, der mittlerweile ein erwachsener Mann ist und nichts über seine tatsächliche Vergangenheit weiß. 

Sehr interessant ist hier die Frage von Schuld und Verantwortung, die aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet wird. Das Buch hat etwas Besonderes, die Art, wie es aufgeteilt ist, macht es anders. Allerdings fand ich es auch etwas schade, dass zwischen der Geschichte von Jet und ihrem Sohn ein dermaßen aprubter Cut stattfindet, hier hätte man vielleicht eine elegantere Lösung finden können, um die beiden (mehr) miteinander in Verbindung zu bringen. Auch die Frage nach der Schuld des Nationalsozialisten blieb meines Erachtens zu unbeantwortet. 

Das Ende des Romans hat mir sehr gut gefallen, da es kein typisches Ende ist, wie man es von 0815-Geschichten gewohnt ist. "Alles, was wir wissen konnten" ist genremäßig sehr schwer zu verordnen. Ich würde es als literarische Erzählung einstufen, ein "kleines", "sanftes" Buch, das große Wellen schlägt. 

de Loo: Die Zwillinge

 

4 von 5 Punkten - Literarisch hervorragend, sehr gut geschrieben!

"Die Zwillinge" erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die sich zwischen den Weltkriegen aus den Augen verloren haben, da eine Schwester in eine Pflegefamilie in den Niederlanden gegeben wurde, während die andere in Deutschland blieb. Etwa siebzig Jahre später treffen sich die beiden zufällig wieder und tauschen sich darüber aus, was sie erlebt haben. Dabei wird die gesamte historische Entwicklung miteingebaut, allerdings auf eine sehr persönliche und lebensnahe Art und Weise, durch die unterschiedliche Sicht von einer Deutschen und einer Niederländerin wird auch der zweite Weltkrieg und Themen wie Schuld, Vergebung und wer hätte was erkennen müssen, kritisch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. 

 

Das Erste, was mir an dem Buch ausgesprochen gut gefallen hat und direkt ins Auge gestochen ist, war die Sprache, die unglaublich wordgewandt, vielfältig und außergewöhnlich ist. Allein dafür hat sich das Buch schon eine besondere Stellung auf dem Markt verdient. 

Auch die Geschichte bzw. die Herangehensweise, den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus einer derart persönlichen Sicht zu schildern, hat mir imponiert. Zu Beginn ist von einer sogenannten "Laterna magica" die Rede, die immer wieder einzelne Bilder aufwirft, und so kann man sich auch den kompletten Roman vorstellen. Er besteht nicht nur aus einem übergreifenden Handlungsplot, sondern vielmehr aus vielen Momentaufnahmen, die aber noch einen viel echter Blick auf Detailentwicklungen sowie auf das Große Ganze erlauben, als eine allgemeine Zusammenfassung es jemals könnte. 

 

An manchen Stellen hat mir dann doch etwas die Struktur gefehlt und zwischendurch gab es auch Passagen, die sich etwas in die Länge zogen und sicherlich gekürzt hätten werden können, daher gebe ich einen Stern Abzug. Aber insgesamt ist "Die Zwillinge" nichtsdestotrotz ein herausragender Roman, den jeder Bibliophile unbedingt gelesen haben sollte!

Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte

 

3 von 5 Sternen - Skurril, abstrus, nicht mein Geschmack

Mit seinem Roman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" wurde Jonas Jonasson weltweit berühmt und hat eine Bestsellerliste nach der anderen erklommen. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an "Die Analphabetin, die rechnen konnte".

Der Roman erzählt die Geschichte von Nombeko, einer hochintelligenten Südafrikanerin, die allerdings auf Grund ihrer Herkunft aus den Slums kaum Perspektiven im Leben hat. Wegen eines Unfalls kommt sie für mehrere Jahre als Haushaltshilfe zu einem Ingenieur, der Atombomben bauen lässt. Ein skurriler Zufall jagt den nächsten, und so landet Nombeko schließlich, mitsamt Atombombe, in Schweden, wo sie Holger kennenlernt, genauer gesagt Holger 2, Holger 1 ist nämlich sein Zwilling und offiziell existiert Holger 2 überhaupt nicht. Da sind sie also, die hochintelligente Nombeko, die Atombombe und Holger 2, den es eigentlich gar nicht gibt.

Eine seltsamere Konstellation könnte man sich vermutlich kaum ausdenken, um einen Roman darum zu spannen. Und so ist das Buch auch von der ersten bis zur letzten Seite mit einer durchaus intelligenten und pointierten Situationskomik durchzogen, die Passagen triefen nur so vor Ironie, manchmal fast schon zu zynisch und skurrill, meistens aber zum Schmunzeln anregend und mit einem Augenzwinkern versehen. Dazu gibt es noch eine Prise Weltgeschichte "einmal anders" und eine Menge seltsamer Ereignisse, die den Bogen dann doch irgendwann maßlos überspannen. 

Die Grundidee und den sprachlichen Aufbau des Romans fand ich beide ziemlich gut, und anfangs hat mich gerade die pointierte Sprache und die etwas "andere Art", mit der Realität umzugehen, sehr zum Weiterlesen angeregt. Irgendwann wurde es mir dann aber wirklich zu viel, da die Geschichte einfach so dermaßen unrealistisch wird, dass man die Protagonisten, mit denen man sich ursprünglich zumindest aus der ironischen Distanz heraus identifizieren konnte, aus den Fingern verliert. Etwa nach den ersten 100-200 Seiten war meines Erachtens einfach "die Luft raus" und ich habe mich von Kapitel zu Kapitel gequält, die jedes Mal noch unpassender wurden und den Anschein erweckt haben, dass Jonas Jonasson sich hauptsächlich über seine Leser lustig macht mit dem, was er da zusammenschreibt.

Alles in allem gebe ich dem Buch drei Sterne, dafür, dass es durchaus ein literarisch außergewöhnliches und sprachlich sehr wertvoller Roman ist, meinen persönlichen Geschmack hat es aber leider nicht getroffen. 

Grimbert: Die Magier

 

2 von 5 Punkten - ein unterdurschnittlicher Fantasyroman

"Die Magier" ist ein Sammelband der komplette Magiersaga von Pierre Grimbert, die mit diversen Preisen, unter anderem "Bestes Fantasybuch" ausgezeichnet worden war. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an die Magier. Diese wurden jedoch extrem enttäuscht.

Die Handlung spielt in einem Fantasy-Land, in dem vor Jahren eine Reihe von Ahnen auf die geheimnisvolle Insel Ji geschickt wurde und nur teilweise und schwer verletzt wieder zurückgekehrt sind. Nun werden systematisch die Nachkommen dieser Ahnen ermordet, der Weg der Aufklärung der Verbrechen führt unvermeidbar zurück zum Ursprung und zur tatsächlichen Geschichte, die sich vor Jahren auf Ji zugetragen hat.

Die Geschichte an sich hätte durchaus Potential, aber die Art, wie sie erzählt wird, und die Sprache, mit der dies geschieht, machen den kompletten Roman zunichte. Zunächst einmal gibt es eine ganze Menge Charaktere mit unaussprechlichen Namen, wer wirklich von Anfang an verstehen möchte, wer hier wer ist, sollte sich am besten beim Lesen gleich nebenher Notizen machen. So schnell die Personen auftauchen, so schnell verschwinden sie aber auch wieder und es treten wieder neue Protagonisten auf den Plan, was die Verwirrung verstärkt.

"Die Magier" wurde oft dafür gelobt, dass es spannend wie ein Thriller sei. Der Handlungsplot an sich erinnert tatsächlich an eine Art Fantasy-Thriller, aber tatsächliche Spannung kam bei mir dennoch nicht auf, da die Sprache kaum Einblicke in das Innenleben der Figuren erlaubt, bzw. dies einfach so schlecht geschildert ist, dass man die Anspannung und Angst nicht einmal ansatzweise nachempfinden kann. Mir kam das Ganze etwas wie ein Märchenbuch vor, da eben wirklich die äußere Handlung und nicht die Gefühle im Mittelpunkt stehen, was ich sehr schade fand. Ich glaube allerdings auch, dass dies zum Teil der schlechten deutschen Übersetzung geschuldet ist, so wird z.B. "l'étrange", was sowohl "der Seltsame" als auch "der Fremde" heißt, mal mit "der Seltsame" und mal mit "der Fremde" übersetzt, und das ist nur eine Ungenauigkeit von vielen, die den Sinn des Textes verfälschen und einem Lesefluss im Wege stehen. 

Alles in allem ein Buch, das eine Menge Potential bessesen hätte, welches aber, hauptsächlich in der deutschen Übersetzung, durch die schlechte sprachliche Gestaltung nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft wird. 

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